Wohnen im Alter – Alternative Wohnformen

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Durch den demografischen Wandel in modernen Gesellschaften steht das Gesundheits- und Versorgungssystem vor vielen Herausforderungen. Dabei werden mit dem Begriff des demografischen Wandels mehrere Veränderungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung zusammengefasst. Hierunter fällt die steigende Lebenserwartung der Menschen, der Rückgang der Geburtenrate, der Anstieg der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung und die Zunahme der Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund[1].

In Deutschland steigt die Lebenserwartung der Menschen seit Jahren kontinuierlich an, weshalb das statistische Bundesamt von „Rekordwerten“ in Deutschland spricht[2]. Die Gründe hierfür liegen im Zusammenwirken von Einkommen, Bildung, Ernährung, Hygiene, Gesundheitsverhalten und Lebensweise sowie der immer besser werdenden medizinischen Versorgung. Vor diesem Hintergrund veränderten sich in den letzten Jahren die Erwartungen an das Wohnen im Alter und Themen über das Leben im Alter und die Suche nach Wohnalternativen etablieren sich wachsend in der öffentlichen Diskussion.

„Die zentrale Bedeutung des Wohnens für das körperliche und psychische Wohlbefinden bekommt im Alter eine ganz besondere Dimension, denn es wird zunehmend bestimmt von Aktivitäten in und um die Wohnung, mehr als in jeder anderen Lebensphase.“ (Buchen: 239)

Ausgegend von diesen Entwicklungen hat sich somit in den letzten Jahren neben den traditionellen Wohnformen für ältere Menschen wie Altenwohnheimen, Altenheimen und Pflegeheimen eine Vielzahl an „alternativen“ Wohnformen entwickelt.

Im Folgenden werden einige dieser Wohnformen dargestellt.

Zum einen gibt es für Menschen, die ihren Alltag noch relativ selbstständig meistern können, betreute Haus- und Wohngemeinschaften[3]. In diesen Wohngemeinschaften, bestehend aus 6-8 Personen, werden Gemeinschaftsräume, Bad und Küche geteilt.

Die Bewohner_innen dieser Wohngemeinschaft unterstützen sich gegenseitig bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben. Die Gemeinschaftsräume können von allen Mitgliedern der Wohngemeinschaft für integrative Aktivitäten wie Feste, Treffen und Veranstaltungen genutzt werden. Ambulante Pflegedienste können dabei bei Bedarf in Anspruch genommen werden. Darüber hinaus verfügt jede_r über einen abgetrennten privaten Bereich, welche für die Aufrechterhaltung der Privatsphäre und den individuellen Lebensstil dient.

Dieser Wohnform ähnlich sind die ambulant betreuten Wohngemeinschaften, in denen das Leben mit Betreuung und Pflege und das Wohnen in der eigenen Wohnung im Einklang stehen. Diese ermöglichen pflegebedürftigen Menschen das Leben in einem gemeinsamen Haushalt mit Inanspruchnahme externer Pflege- und/ oder Betreuungsleistungen gegen Entgelt. Auch hier verfügen die Bewohner_innen über eigene Schlafbereiche und sie teilen Küche und Wohnzimmer.

Der Vorteil dieser Gemeinschaft ist, dass alle Dienstleistungen, die alle Bewohner_innen gleichermaßen benötigen, zusammen beansprucht werden können (wie z.B. die hauswirtschaftliche Versorgung). Somit können Dienstleistungen, die einzelne Menschen alleine nicht finanzieren können, durch die Mittel der ganzen Wohngemeinschaft realisiert werden. Diese kostengünstige und integrative Wohnform stellt eine Alternative zu stationären Pflegeeinrichtungen dar.

Zum anderen gibt es die sogenannten Mehrgenerationenhäuser[4], in denen Menschen aus verschiedenen Generationen, die nicht miteinander verwandt sind, zusammenleben.

Diese Häuser verfügen über private Bereiche und Gemeinschaftsräume, die als Plattform dienen. Der Hintergrund dabei ist, die Bewohner_innen miteinander zu vernetzen, damit eine gegenseitige Unterstützung und ein Austausch von Erfahrungen stattfinden.

Dadurch wird das Alleinsein im Alter verhindert und der soziale Kontakt aufrecht gehalten, in dem ältere Menschen auf junge Leute treffen und gegenseitig voneinander profitieren können. Die familiäre Struktur in einem Mehrgenerationenhaus soll somit einen Austausch von gegenseitigen Hilfestellungen ermöglichen. Darüber hinaus kann in den Mehrgenerationshäusern ebenfalls Pflegepersonal zur Unterstützung eingesetzt werden. 

Eine weitere Wohnform stellt das Quartierskonzept dar.

Hier leben Menschen in gewohnten Wohnvierteln bis ins hohe Alter. Das übergeordnete Ziel ist, das nachbarschaftliche Wohnen in den Vierteln zu stärken und dabei ein möglichst langes und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Den Bewohner_innen wird häusliche Pflege, ambulante Hilfe und allgemeine Sicherheit durch die Präsenz der Versorgungsstützpunkte im Quartier ermöglicht. Das bedeutet, dass Fachkräfte der ambulanten Pflegedienste 24-stündige Versorgungssicherheit ohne Betreuungspauschale gewährleisten.

Die oben vorgestellten Wohnformen werden von älteren Menschen danach beurteilt, in welchem Umfang und wie lange sie eine selbständige Lebensführung ermöglichen. Demnach zeigen viele Umfrageergebnisse, dass ein Großteil im Alter nicht auf die Hilfe der erwachsenen Kinder angewiesen sein möchte[5].

Aufgrund dieser Tatsache muss den alternativen Wohnformen auch in der Zukunft eine große Bedeutung zugeschrieben werden. Diese ermöglichen bekanntlich „privates Wohnen und gemeinschaftliches Leben und setzen auf das Prinzip der Nachbarschaftshilfe, wobei die Intensität des Gemeinschaftslebens von den Bewohner_innen selbst bestimmt wird[6].“

Auf Grund dessen ist außerdem für alternative Wohnformen wichtig, kulturspezifische Faktoren aufzunehmen und insbesondere auch auf die Wünsche der älteren Migrant_innen einzugehen. Besonders in Deutschland nimmt die kultursensible Pflege eine bedeutende Rolle ein, da zum Beispiel die Gastarbeitergeneration das Rentenalter erreicht hat.

Dies zeigt das abgeschlossene Froschungsürojekt CarEMi, die türkische Patient_innen der Gastarbeiter- und Kindergeneration und ihre Erwartungen und Wünsche im Fokus hat[7]. Demnach ist es wichtig auf kulturspezifische Wünsche und Erwartungen im Gesundheitssystem einzugehen.

Vor diesem Hintergrund entstehen neue Wohnprojekte, wie zum Beispiel die türkische Wohngemeinschaft speziell für pflegebedürftige türkischstämmige Bewohner_innen in Stuttgart. Die Pflege – WG in Zuffenhausen wurde speziell für türkischstämmige Menschen konzipiert und trägt den Namen „Emin Eller“[8].

Hier werden einzelne kulturspezifische Aspekte wie zum Beispiel die Feiertage, die Sprache und das Pflegepersonal mit Migrationshintergrund in die Wohngemeinschaft aufgenommen, um einerseits der Sprachbarriere und der damit verbundenen Informationsmängel entgegenzuwirken und andrerseits kultursensible Pflege zu ermöglichen.

Abschließend kann gesagt werden, dass alternative Wohnformen eine Chance für ältere Menschen darstellen und den Wunsch nach einem möglichst selbstbestimmten Leben bis ins hohe Alter ermöglichen.

 


[1]              Vgl. BMFSFJ: „Hintergrund: Demografischer Wandel“.

[2]              Vgl. Pressemitteilung Statistisches Bundesamt 2016.

[3]              Vgl. Deutsches Seniorenportal. 

[4]              Vgl. Senioren Ratgeber.

[5]              Vgl. Voges.

[6]              Vgl. Huber 2008: 79

[7]              Vgl. CarEMi - Studie

[8]              Vgl. Stuttgarter Nachrichten: „Pflege-WG für Senioren mit türkischen Wurzeln“

 

Literatur

Buchen, Sylvia; Maier, Maja S.: Älterwerden neu denken : Interdisziplinäre Perspektiven auf den demografischen Wandel. 1. Aufl.. Berlin Heidelberg New York: Springer-Verlag, 2008.

Bundesministerium für Familien, Senioren und Jugend: „Hintergrund: Demografischer Wandel“. In Serviceportal zu Hause im Alter online verfügbar unter https://www.serviceportal-zuhause-im-alter.de/service/hintergrund-demografischer-wandel.html (zuletzt aufgerufen am 25.05.17)

CarEMi Studie: „Pflegevorstellung türkischer und türkisch-stämmiger Migrant_innen der ersten Gastarbeitergeneration“. Online verfügbar unter http://www.caremi.de/informationen.html (zuletzt aufgerufen am 30.05.17)

Deutsches Seniorenportal: „Alternative Wohnformen“. Online verfügbar unter https://www.deutsches-seniorenportal.de/pflege/wohnen-und-einrichtungen-fuer-senioren/alternative-wohnformen (zuletzt aufgerufen am 25.05.17)

Senioren Ratgeber: „Wohnen im Alter: Betreut oder allein?“. Online verfügbar unter: http://www.senioren-ratgeber.de/altersgerecht-wohnen (zuletzt aufgerufen am 25.05.17)

Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung 2016): „Lebenserwartung für Jungen 78 Jahre, für Mädchen 83 Jahre.“ Online verfügbar unter https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2016/03/PD16_072_12621.html

Stuttgarter Nachrichten (2016): „Pflege-WG für Senioren mit türkischen Wurzeln“. Online verfügbar unter http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.zuffenhausen-rot-willkommensfest-fuer-swsg-bewohner-pflege-wg-fuer-senioren-mit-tuerkischen-wurzeln.a9b44053-c1cd-4de3-a414-e6bf4615676d.html (zuletzt aufgerufen am 30.05.17)

Voges, Wolfgang; Zinke, Melanie: "Wohnen im Alter." Handbuch Soziale Arbeit und Alter (2010): 301-308

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